Wer hat Angst vor Naiver Kunst?
Eine virtuelle Sonderausstellung zum Thema Naive Kunst

Familientreff (im Westfälischen) 1987

Die Naiven Stickbilder der Maria Habeth

Maria Habeth ist eine zweiundneunzigjährige, bescheidene und doch energiegeladene Einzelgängerin aus dem Bonner Raum, die seit vielen Jahren, zurückgezogen in ihrer Wohnung, sehr eigenwillige und originelle Kunstwerke erstellt. Dabei bedient sie sich einer außergewöhnlichen und seltenen Technik: Sie stickt.


Was zeigen die Stickbilder der Maria Habeth?

Die Künstlerin behandelt überwiegend das eigene Landleben der Vergangenheit. Es gibt Frühlings-, Sommer-, Herbst- und Winterbilder, in denen die Personen den Jahreszeiten entsprechenden Aufgaben nachgehen.

Die Beerensammler 1975

Wie muß man sich ihre Arbeitsweise vorstellen?

Maria Habeth stickt ohne Vorlage und Vorzeichnungen. Zu einem Stickbild nimmt sie Sticktwist, Nähnadeln und doppelten Küchenhandtuchstoff mit Karos als eventuelle Hilfslinien. Die Künstlerin benutzt über 100 Farbnuancen auf einer durchschnittlichen Fläche von circa 30 x 40 cm. Ihre Art zu sticken gehört zur Technik der Nadelmalerei. Es braucht mehrere Monate, um ein Bild fertigzustellen.

Kartoffelernte, (Herbst, Reif) 1976

Wer ist die Person hinter diesen Bildern?

Maria Habeth lebt seit ihrer frühen Kindheit in einem zu damaliger Zeit armen, konservativen 400-Seelen-Dorf am Rand der noch ärmeren Eifel. Nachdem sie vierzehnjährig die Schule verlassen muß, prägt ausschließlich harte Arbeit ihren Alltag. Sie verrichtet an die Saison gebundene Gelegenheitsarbeiten bei den Bauern. Maria Habeth bleibt entgegen ihren Wünschen an das Dorf gebunden.

Ihr Lebenslauf ist repräsentativ für viele Landfrauen dieser Zeit. Die schwierigen Zeitumstände veranlassen die junge Frau zu ihren ersten Stickbildern. Zu jener Zeit spielt Kunst ansonsten außerhalb der Kirche keine Rolle und wird ebenso wie Musik als überflüssiger Spleen empfunden.

Ribbertshof bei Soest 1977

Wie sah Maria Habeths künstlerischer Werdegang bis jetzt aus?

In den dreißiger Jahren beginnt Maria Habeth mit der Stickerei, weil sie ihr die einzige Möglichkeit einer kreativen, geistigen Beschäftigung bietet. Nach einer langen Schaffenspause setzt sie die Stickerei erst in den siebziger Jahren fort. Maria Habeth entwickelte als Autodidaktin unbewußt eine individuelle künstlerische Richtung, ohne überhaupt in einem auch nur ansatzweise künstlerischen Umfeld zu leben. Die Künstlerin nimmt in den siebziger und achtziger Jahren erfolgreich an zahlreichen Ausstellungen und Wettbewerben teil. Unter anderem veranstaltet 1983 das Museum of Contemporary Art in Chicago eine Ausstellung, bei der auch Maria Habeth vertreten ist.

Kleine Ernteszene 1971

Wie ist die Qualität ihrer Werke einzuschätzen?

Hoch.

Namhafte Künstler wie Max Raffler und Grandma Moses weisen erstaunliche biographische und in ihren Werken thematische sowie stilistische Ähnlichkeiten auf.

Die Naiven Stickereien der Maria Habeth haben zum einen ihre Stärken in der technisch hoch qualitativen Ausarbeitung; einer Technik, die sowohl ungewöhnlich ist, als auch in ihrer künstlerischen Umsetzung überzeugt und fasziniert. Ebenso begeistert der unbedarfte Umgang mit Farben, Formen und Inhalten, der intuitiv entsteht und ebenso Individualität und Originalität beweist. Die Themen sind auch kulturgeschichtlich wertvoll und ein Zeitzeugnis des Landlebens der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, wenn auch, in typischer Eigenart der authentischen Naiven, fast einseitig positive Eindrücke in Erscheinung treten.

Judith Bongartz